
InTeam 5 - Zeitung der Rosa Antifa Wien
Sadomasochismus
Für mich war es zuerst einmal ein ziemlicher Schock als ich bemerken mußte, daß mir sexuelle Praktiken Lust bereiten, die ich bisher zwar als toleranter Mensch bei anderen toleriert hatte, aber niemals gedacht hätte bei mir entdecken zu können.
Zufällig hatte ich kurz zuvor gerade - sie waren gerade um 79.- im Sonderangebot - einige Büchlein von Marquis de Sade und Leopold von Sacher-Masoch erstanden, angelesen und bemerkt, daß ich diese Texte für durchaus lustvoll gehalten hatte. Kurz darauf kommt plötzlich auch noch das aha-Erlebnis, daß kratzen, beissen und fesseln auch Spaß machen kann.
Schmerz und Sexualität, Gewalt und Sexualität, dürfen diese Dinge zusammenhängen? Für mich waren diese Begriffe immer genau das Gegenteil. Kommt das von meiner extrem-katholischen Erziehung? Bin ich psychisch krank?
Es folgen viele Gespräche mit guten FreundInnen und monatelang bekommst du abwechslungsweise zwei fast jedesmal gleiche Antworten auf Dein Problem. Die meisten FreundInnen können es nicht verstehen, tolerieren es zwar - manchmal etwas verschreckt - schütteln aber den Kopf. Ein kleinerer Teil meint, daß er das super finde, und wo denn mein Problem läge, wäre doch eh toll auch S/M-Sex zu genießen.
Es dauerte drei Monate bis ich auf eine Freundin traf die sowohl meine Lust am Schmerz verstand, als auch mein Problem damit, und es dauerte noch einmal drei Monate bis ich diese Form an sexueller Lust - da sie ja in meinem Fall keineswegs die einzige ist die ich genießen kann - einfach als Erweiterung meiner eigenen Sexualität anerkennen und annehmen konnte.
Verdrängt aber lebendig
In allen Kulturen dieser Erde gibt es sexuelle Subkulturen, deren Praktiken sich von der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden. In sehr repressiven Gesellschaften werden oft alle diese Formen der Sexualität, die nicht der Norm entsprechen, - einer Norm die sich übrigens auch stark unterscheidet, gibt es doch Kulturen, in denen Homosexualität zu dieser Norm gehört, und solche, in denen diese massiv unterdrückt wird - verfolgt und in den Untergrund gedrängt, sind aber trotzdem existent. Auch die katholische Norm der heterosexuellen Monogamie mit einer einzigen erlaubten Stellung, und dieser nur im Dunkeln, ließ sich nie wirklich durchsetzen. Alle Verfolgungen der Geschichte konnten die Menschen nicht in das Korsett der monogamen Heterosexualität drängen.
Ebensowenig konnten sexuelle Praktiken unterbunden werden, die Lust mit Schmerz verbinden. Das Wort Gewalt möchte ich in diesem Zusammenhang bewußt vermeiden. "Gewalt" - dies habe ich in der Auseinandersetzung mit meinem eigenen Masochismus schließlich entdeckt - bedeutet nämlich immer, daß jemand unterdrückt wird, jemand unter Zwang steht, jemand seiner/ihrer Freiheit beraubt wird. "Gewalt" ist in den allermeisten Fällen somit eine völlig "unblutige" Sache, ist Herrschaftsverhältnis, alltägliche Ausbeutung im Kapitalismus, Psychoterror in der Familie, Manipulation durch die Medien,... . Freiwilliger, lustvoller Schmerz oder ebenso freie Unterwerfungsspiele haben mit dem jedoch gar nichts zu tun, sind lustvolles Spiel, Erweiterung des eigenen Lustempfindens, Grenzgänge, Anbetung oder was auch immer, aber eben freiwillig und damit nicht "Gewalt".
Die Verbindung von Schmerz oder auch Machtspielen mit Sexualität gibt es auch in einer Vielzahl von Kulturen dieser Erde. Gerade die ostasiatischen Kulturen Chinas, Japans oder Koreas haben es darin in eine wahre Meisterschaft gebracht. Berühmt sind heute noch die Fotografien japanischer Bondage-KünstlerInnen mit ihren kunstvollen Fesselungsbildern, die in Europa schon des öfteren Debatten um Pornographie, Gewalt und Feminismus losgelöst haben.
Auch in Mitteleuropa wagen sich zwischenzeitlich zaghaft SadomasochistInnen an die Öffentlichkeit. Auch wenn die Verstecktheit neben einem leider immer noch notwendigen Schutz auch einen Reiz sadomasochistischer Praktiken ausmacht, so gibt es doch daneben Gruppen die nicht mehr länger an den Rand gedrängt und ausgegrenzt werden wollen.
Dabei wurden S/M-Praktiken beileibe nicht nur von den berühmten Namensgebern Marquis de Sade und Lepold von Sacher-Masoch ausgeübt. Nicht erst seit sogar ein Abgeordneter der britischen Torys gefesselt in entsprechender Kleidung und Plastiksackerl über dem Kopf tot aufgefunden wurde - er war damit wohl etwas zu weit gegangen - wird langsam bekannt, daß S/M auch von berühmten Menschen praktiziert wird, von denen mensch es als letzteR vermuten würde. Sadomasochismus ist vielleicht weiter verbreitet als dies die SittenwächterInnen monogamer Zwangsheterosexualität vermuten wollen, sogar in ihren eigenen Kreisen.
Marquis de Sade (1740-1814) war als französischer Adeliger beileibe nicht nur der blutrünstige Autor von Juliette, Justine und den 120 Tagen von Sodom. Mit der relativ pornographischen Schreibweise und den unzähligen Toten in seinen Büchern schaffte er es zwar - nach seinem Tode - hohe Auflagen und eine Sodom-Verfilmung Pasolinis zu bekommen, aber die Werke des legendären Namensgebers des Sadismus sind keineswegs repräsentativ für sadomasochistische Praktiken.
De Sade war jedoch auch Revolutionär, Republikaner und Gegner der Todesstrafe, was im 18. Jahrhundert auch für fortschrittliche Persönlichkeiten durchaus eine Seltenheit war. Der kämpferische Republikaner führte auch einen Kampf gegen die reaktionären Glaubens- und Moralvorstellungen der Kirche, einer Kirche die er für durch und durch freiheitsfeindlich hielt:
"O ihr, die ihr die Axt in der Hand habt, führt den letzten Schlag gegen den Baum des Aberglaubens! Gebt euch nicht zufrieden mit dem Ausschneiden der Zweige: Rottet ganz und gar mit der Wurzel aus ein Gewächs, dessen Wirkungen so giftig sind! Seid vollkommen überzeugt, daß euer System der Freiheit und Gleichheit zu offensichtlich den Dienern am Altare Christi widerspricht, daß niemals einer unter ihnen sein wird, der es entweder ehrlich anerkennt, oder es nicht zu erschüttern versucht, sobald es ihm gelingt wieder etwas Macht über das Gewissen zu gewinnen." *)
Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895), der Namensgeber des Masochismus, ist bisher nie so bekannt geworden wie De Sade. Dabei schrieb der aus dem damals österreichischen Galizien stammende Dichter mit seinem Schlüsselroman "Venus im Pelz" und einer Reihe anderer Erzählungen durchaus auch literarisch bemerkenswerte Texte, welche mehr mit psychologischen Spannungen und Andeutungen arbeiten, denn mit Sade??scher Pornographie.
Im Gegensatz zu De Sade - der den Großteil seines Lebens auf Betreiben seiner Schwiegermutter im Gefängnis zubringen mußte - konnte Sacher-Masoch seine Erzählungen auch meist leben. Seine erste masochistische Beziehung lebte er von 1861-1865 mit Anna von Kottwitz. 1869 lernt er Fanny von Pistor kennen, unterzeichnet für sechs Monate einen Unterwerfungsvertrag und reist mit ihr als Sklave durch Italien.
Ein buntes Sammelsurium
Was heute alles unter dem Namen Sadomasochismus oder S/M-Szene zusammengefaßt wird ist ein buntes Sammelsurium verschiedenster Gruppierungen, Praktiken und sexueller Orientierungen. Wohl kaum eine verdrängte Gruppierung dieser Gesellschaft hat eine ähnliche Breite, Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit wie die verschiedenen Sadomasochismen.
Hier ist einmal die Frage der sexuellen Orientierung. Wie in der "anderen" Gesellschaft auch gibt es sowohl lesbische, schwule, bisexuelle als auch heterosexuelle SadomasochistInnen. Egal ob Mensch auf Frauen, Männer oder beides steht, dies sagt noch nichts darüber aus, ob sexuelle Praktiken, die mit Schmerz und/oder Machtspielen verbunden sind, gefallen oder nicht.
In größeren Städten haben sich auch je eine eigene S/M-Lesben-, S/M-Schwulen- und S/M-HeterO/A-Szenen mit eigenen Lokalen, Gruppen, Partys,... herausgebildet.
Die Schwierigkeit der Frage, wo denn nun S/M beginne, zeigt wie künstlich Kategorien sexueller Neigungen produziert wurden, um "das Normale" vom "Perversen" abzugrenzen, um eine einzige sexuelle Realität gesellschaftlich durchsetzen zu können, und alles andere bestenfalls als Kuriosität für diverse Talkshows zu akzeptieren.
Ein wirklich emanzipatorischer Ansatz müßte hiermit auf die Auflösung dieser klar abgrenzbaren Kategorien abzielen, und somit erübrigte sich auch die Frage ob nun kratzen und beißen auch schon in den Bereich des Sadomasochismus zu zählen wäre oder nicht.
Neben den klassischen S/M-Praktiken wie fesseln/bondage, Flagellation, kratzen, beißen,... verbunden mit verbalen Mitteln gibt es noch eine Reiche anderer Spezialwünsche die dieser Szene eine weitere Vielfalt geben.
Hier gibt es einerseits Menschen, die auf Theaterinszenierungen von Schulszenen stehen, solche, die an bizarren Praktiken mit Hilfsmitteln wie Klistier, Fäkalien, Gewichten, Nadeln, Ketten, Dornenkränzen,.. interessiert sind, Menschen die auf Kliniksex stehen,...
Eine Sonderform die oft gemeinsam mit Sadomasochismus genannt wird, aber nicht unbedingt als S/M-Orientierung betrachtet werden muß ist der Fetischismus. Der Begriff Fetischismus zur Bezeichnung einer sexuellen Sonderform wurde vom französischen Psychologen Binet (1857-1911) geprägt und bezeichnet die "sexuelle Fixierung mancher Menschen auf bestimmte Gegenstände" **) Insbesondere Leder, Lack, Unterwäsche, Uniformen - was bei manchen Uniformen auch politisch sehr bedenkliche Züge annehmen kann -, Nylon, Stiefel,.. können als Objekt der Begierde dienen, aber auch Füße, Regenschirme oder was auch immer.
So vielfältig wie die Beziehungsformen Nichtsadomasochistischer Menschen sind jene von Menschen mit einer S/M-Orientierung auch. Unter ihnen befinden sich lebenslang treue Zweierpaare genauso wie polygame Beziehungen, offene Beziehungen oder Promiskuität. Gruppensexpartys sind zwar bei Teilen der S/M-Szene sehr beliebt, aber keineswegs von allen frequentiert. "Darkrooms" für anonymen Sex gibt es natürlich in einzelnen Lokalen oder bei einzelnen Partys, aber auch sie sind nur von einem Teil der SadomasochistInnen besucht.
Sadomasochismus und Alltag
Klar ist, daß S/M-orientierte Menschen im "normalen" Leben keineswegs gewalttätigere oder herrschsüchtigere Menschen sind als andere Menschen. Manche SadomasochistInnen lassen ihre Inszenierungen zwar sehr wohl in den Alltag einfließen, "bei diesen Fällen handelt es sich aber keineswegs um Personen, die nicht mehr zwischen der Freiheit der sexuellen Privatsphäre und den Kontrollanforderungen des restlichen Alltags unterscheiden können. Vielmehr liegt solchen Inszenierungen ein spielerisches Agreement zugrunde. [...] Bei anderen beschränken sich dominante oder passive Verhaltensformen explizit nur auf die dafür vorgesehenen Sondersituationen." ***)
Im Alltag sind Menschen, die ihren Sadomasochismus ausleben können, eher sogar noch sensibler auf Hierarchien und Herrschaftsformen, denn Menschen, die diese Dinge nie hinterfragt haben.
coming-out
Wie bei Lesben, Schwulen und Bisexuellen gibt es auch bei SadomasochistInnen einen Prozeß des coming-out, in dem die betroffenen Menschen sich selbst und ihren Mitmenschen ihren eigenen Sadomasochismus eingestehen. Dieses coming-out wird bei lesbischen und schwulen SadomasochistInnen zu einem Doppelten, einerseits die eigene Homosexualität zu entdecken und sich einzugestehen, und dann auch noch den eigenen Sadismus und/oder Masochismus.
JedeR Einzelne erlebt diese Coming Out-Phase anders, für viele ist sie jedoch mit einer ganze Reihe von Schwierigkeiten und Konflikten verbunden, zuerst Konflikte mit sich selbst, dann mit seiner Umwelt, seinen Eltern, seinem Freundeskreis, Arbeitsplatz,... Oft wissen deshalb auch nach Jahren nur die engsten FreundInnen von der eigenen sexuellen Orientierung, was wiederum den Streß des Versteckens mit sich bringt.
Teilweise gibt es Institutionen, Gruppierungen und Vereine, die Menschen beim coming-out helfen, und eine wirkliche Unterstützung geben. Allein die Tatsache, auf Menschen zu treffen, die ähnliche Probleme haben, kann schon viel bewirken. Aber auch gute FreundInnen, die nicht gleich davonlaufen, wenn mensch nicht der heterosexuellen Norm entspricht, können Kraft und Unterstützung bieten.
Keine Psychopaten
SadomasochistInnen legen immer wieder Wert darauf zu betonen, daß sie Menschen mit einer bestimmten sexuellen Vorliebe sind, aber keine Kinderschänder, Sexmonster, Vergewaltiger, Lustmörder und ähnliches. Natürlich gibt es SadomasochistInnen die all das sind, aber dies gibt es auch unter "normalen" Menschen und hat nichts mir lustvollem und freiwilligem Umgang mit S/M zu tun. Freiwillig praktizierter Sadomasochismus ist so gut wie jede andere freiwillig praktizierte Sexualität und erzwungener S/M-Sex ist so fürchterlich wie jede Art von erzwungenem Sex. Jede Sexualität die auf Herrschaft, Zwang und Gewalt beruht ist in meinen Augen zutiefst verabscheuungswürdig und zu bekämpfen, dies aber unabhängig davon welche Sexualität auf diesen Herrschaftsmustern aufbaut.
Freiwilliger, lustvoll praktizierter Sadomasochismus soll jedoch genauso frei genossen werden können wie jede andere Form der Sexualität. Auch hier muß gelten, daß alles, was allen Beteiligten gefällt, erlaubt sein muß!
Genießen wir das Leben und die freie Liebe!
Referenzen:
*) de Sade: Franzosen Noch eine Anstrengung wenn Ihr Republikaner sein wollt: S 6, Edition Sirene, Berlin 1984 **) Wetzstein/Steinmetz/Reis u.a.: Sadomasochismus: S 98, Rowohlt, Hamburg 1995 ***) Ebenda: S 183f
Ein paar Anmerkungen dazu...
bleiben ein paar anderen Rosa Antifas dann doch nicht erspart. Wir würden uns in einigen Punkten einen etwas kritischeren Blick wünschen. So wäre eine Thematisierung der Person des Marquis de Sade (z.B. seiner Vergewaltigungsphantasien) ebenso notwendig, wie eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Sadomasochismus und Unterdrückungsverhältnissen. (Gerade im Hinblick auf die Angabe der Stiefelknecht-Kontaktadresse, seht euch deren Werbung mal an). Beteiligt euch an der Diskussion, wir werden versuchen sie im nächsten InTeam weiterzuführen!
Adressen:
LIBERTINE:
Sadomasochismus-Initiative
Postfach 63
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Zeitung "Unter Druck"
Treffen: Freitag, 19:00 Amerlinghaus (Stiftgasse 8, 1070 Wien)
Leather & Motorbike Community
Postfach 34
1011 Wien
Zeitschrift "Sling"
Treffpunkt im Stiefelknecht
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Internet: http://www.lmc-vienna.at
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