
InTeam 5 - Zeitung der Rosa Antifa Wien
Freiräume
Über Freiräume wird viel geredet. Was genau darunter jeweils verstanden wird, ist aber nicht immer ganz klar. Auch nicht, was sie überhaupt leisten sollen bzw. können. Halbwegs klar ist, daß es um Bereiche geht, in denen weitestgehende Selbstbestimmung "herrschen" soll, in der mensch eben von den Zwängen und Strukturen der Gesellschaft außerhalb des Freiraums so weit das eben geht, unbehelligt bleibt. Im Idealfall also eine Art Oase in der allgemeinen Unfreiheit. Ob das überhaupt möglich ist, welche Bedingungen dafür gegeben sein müßten, und vor allem auch welche Gefahren sich ergeben, soll dieser Text andiskutieren.
Freier Raum
Der Begriff des Freiraums wird auf besetzte Häuser, Jugendzentren usw., also tatsächliche Räume, ebenso angewendet wie auf ganze Lebensbereiche. Sie können so eben Plätze sein, an denen mensch einfach nicht belästigt und herumkomandiert wird, und wo er /sie sich "frei" entfalten kann, wo Platz für Experimente ist. Es muß sich aber nicht um einen fest abgesteckten Raum handeln, sondern kann auch um ein Umfeld an Personen sein, das durch sein Verhalten das Gleiche möglich macht, ohne eine fixe Institution zu sein, das eine freiere Umgehensweise ermöglicht, und auch einen gewissen Schutz bieten kann.
Rückzugsort oder Ghetto?
Alle Bereiche die sich dadurch auszeichnen, daß sie im Gegensatz zur herrschenden Ordnung funktionieren, zeichnen sich zwangsläufig auch dadurch aus, daß sie nach außen hin, eben gegenüber der repressiven Gesellschaft, auf gewisse Art und Weise abgegrenzt sind. Genau das macht ihre Sinnhaftigkeit ja aus. Wenn es Orte geben soll, an denen zumindest versucht wird z.B. Frauen zu ermöglichen sich ohne Angst vor der Bedrohung durch den alltäglichen Sexismus zu bewegen, wo NichteuropäerInnen vor rassistischer Gewalt sicher sind usw., so gilt es Sexismus und Rassimus "vor der Türe zu halten", sei es nun im wörtlichen Sinn, nämlich einfach ungute Männer, Bullen und Nazis fernzuhalten, oder im übertragenen Sinn, also dementsprechende Strukturen und Verhaltensmuster innerhalb des erstrebten Freiraumes (Lokal, WG, Beziehung...) zu vermeiden. Bestimmte Arschlöcher nicht zuzulassen ist noch das einfachste, wenn auch schwer genug, und nicht selten aufreibende Sisyphusarbeit. Gelingt das alles zumindest für kurze Zeit, so kann ein Rückzugsort geschaffen werden, in dem von der Gesellschaft getretene Menschen zumindest einmal aufatmen, sich mit Gleichgesinnten austauschen können, und nicht ständig den Chef, die Eltern, den Mann oder wen auch immer im Kreuz sitzen haben (daß die dadurch nicht aufhören zu existieren, oder keinen Einfluß mehr haben, ist im allumfassenden kapitalistischen System sowieso klar, doch dazu später mehr). Ein Ort, der für Menschen, die sich täglich bewußt mit Unterdrückung und Ausbeutung konfrontiert sehen, dringend notwendig ist, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, im 24 stündigen Dauerkampf auszubrennen. Außerdem bieten diese Bereiche einen guten Rahmen zum Aufbau von Infrastruktur.
Der wesentliche Nachteil an dieser Abgrenzug ist aber die dadurch oft stattfindende Abschottung gegen die Menschen, die politische Arbeit eigentlich erreichen soll, nämlich die, die mit den HERRschenden Umständen noch einverstanden sind und sie mittragen, sei es aktiv oder einfach durch ihre Untätigkeit und Resignation. An diese Leute kommt mensch aber nur heran, wenn in erster Linie nach außen gearbeitet wird, die eigenen Strukturen sollten dabei im wesentlichen den AktivistInnen den Rücken stärken. In der Realität stellt sich aber nur allzuoft heraus, das die Aufrechterhaltung dieser Stukturen, die internen Wickel, und die "Verteidigung" nach außen, unheimlich viel Kraft kosten, und jede Menge Leute fast ausschließlich damit beschäftigt sind. Dazu kommt, das viele überhaupt keine Lust haben, mit Leuten von ausserhalb mehr als unbedingt notwendig zu tun zu haben, teils weil sie es einfach satt haben, sich immer wieder mit den gleichen IgnorantInnen herumzuschlagen, teils auch aus eigener Ignoranz denen gegenüber, die nicht Teil der in der Abgrenzung entstandenen sozialen Gruppe mit ihren Ansichten und kulturellen Gepflogenheiten sind. Dadurch wird das ganze immer mehr zum selbstgewählten Ghetto, aus dem schlußendlich nur noch schwer auszubrechen ist.
Der Stolz auf die eigene Abgeschiedenheit
Ebenfalls Realität ist, daß die "Abschottung" der jeweiligen Gruppe eine gewisse Exklusivität verleiht, was die Gefahr in sich birgt, daß sich eine Art Elite herausbildet, Leute die sich "auskennen", die Codes der Gruppe beherrschen, sich über ihre Gruppe definieren und dadurch einerseits die Ghettoisierung vertiefen, indem sie nicht nur nicht nach außen wirken, sondern auch noch den Zugang für Außenstehende erschweren, andererseits bilden sich so leicht innerhalb des ursprünglich als Freiraum gedachten Terrains feste Strukturen und informelle Hierarchien heraus, die sowohl die Machtverhältnisse in der Gesellschaft, als auch den gleichen Scheiß spiegelverkehrt, nach den eigenen Prioritäten, reproduzieren. Es werden die eigenen Dogmen, Schönheitsideale, Klisches und Rollenbilder entwickelt. Es gibt manchmal sogar die eigenen informellen Sanktionsmaßnahmen gegen diejenigen die alldem zuwiderhandeln.
Derartige Tendenzen sind zwar zu verhindern, es erfordert aber wieder eine Menge interner Arbeit, die absolut wichtig und nötig ist, die aber nicht dazu führen darf wieder nur in der eigenen Suppe zu kochen. Doch auch wenn von der Struktur eines Freiraumes her alles zum Besten steht, bleibt ein Problem, das alle Ansätze zur Verwirklichung von Utopien im Rahmen des Kapitalismus gemein haben, und das innerhalb dessen absolut unlösbar ist.
Die Allgegenwart des Systems
Nun ist es so, daß das System des Kapitalismus so gefinkelt funktioniert, daßeine vollständige Flucht aus den bedrückenden Umständen, die es mit sich bringt, und sei es auch für noch so kurze Zeit, nicht möglich ist. Und zwar erstens durch die ganz banalen wirtschaftlichen und staatlichen Zwänge, denen wir alle zur Gänze unterliegen, nämlich die Tatsache, daß alle schauen müssen, wie sie zu ihrem Geld kommen, sei es durch Lohnsklaverei, Erfüllung der Unterstützungskriterien oder wie auch immer. Denn auch wer sich seinen/ihren ganz persönlichen Freiraum auf einer abgeschiedenen Berghütte schafft, und dort von niemanden gesagt bekommt was zu tun und zu lassen ist, wird damit konfrontiert zumindest Geld für Essen und Trinken aufstellen zu müssen, muß Steuern zahlen, wird möglicherweise zum Ableisten des Kriegsdienstes einberufen, wird datentechnisch erfasst, kontrolliert, und ist dem sehr sehr langem Arm der Exekutive ausgeliefert. Auch wer das billigste "No Business" Konzert im nichtkommerziellen selbstverwalteten Veranstaltungsort besucht zahlt sein / ihr Bier mit den sauer verdienten Almosen von Firma oder Staat, weil Bier und Saft genauso wie der Strom für die Anlage nun mal etwas kosten, usw. usf. Ganz zu schweigen von der Erziehung und Sozialisation, die alle in ihrem Kopf mit sich schleppen, wohin auch immer sie sich wenden. Dem verinnerlichten Leistungsdenken, Sexismus und Eurozentrismus kannst du nur schwer davonlaufen.
Eine weitere Eigenschaft der Marktwirtschaft ist es, daß ihre Vertreter Mittel und Wege finden, alles in den Markt zu integrieren. Nichts kann zu abgedreht sein als daß es sich nicht verkaufen ließe. Was z.B. mit der Punk Bewegung und mit allen anderen Jugendrebellionen passiert ist, ist zu Genüge bekannt. Ebenso mutiert ein autonomes Kulturzentrum zum "trendiest club in town" und Che Guevarra zum Symbol für Crossover Musik. Was den HERRschenden nicht ins Konzept paßt, wird entweder per Staatsgewalt abgewürgt, oder einfach geschluckt, glattgeschliffen und für ihre Zwecke verwendet, das ist oft noch schlimmer.
Trotz alledem
Trotz aller Unzulänglichkeiten und Gefahren sollte für die Erhaltung und Schaffung von Freiräumen weiter gekämpft werden. Gerade bei der momentanen Schwäche der radikalen Linken gilt es, bestehende Rückzugsgebiete zu bewahren. Der Nutzen, den sie bringen können, wurde oben beschrieben. Er mag gering erscheinen, aber Freiräume leisten nunmal, was sie können und nicht mehr, und am effektivsten leisten sie es, wenn nichts weiter hineingeheimnist wird. Die vollständige Freiheit erreichen wir nur dann, wenn wir die ganze HERRschende Weltordnung, mitsamt ihrer Ideologie und Moral und der ganzen anderen Hirnscheiße aus den Angeln heben, und Verhältnisse schaffen, in denen wir in allen Lebensbereichen selber bestimmen können.
